Hamburg sehen und sterben (2)

Hier nun der zweite Teil des sonntäglichen Hamburgausflugs mit dem Kegelverein.

Beim CSD oder was das nun war fühlte ich mich ja sichtlich unwohl, aber es sollte wie gesagt noch schlimmer kommen.

Zu Fuß ging es zum Hauptbahnhof zurück, wo Steffi und ich uns mit einer leckeren Bretzel von Crobaq eindeckten und zurück zur Gruppe gingen. Die fläzte mittlerweile an einem Tresen und schaute Fußball. Mein Vater schmiss ne Runde Alster und so ließ sich die unerwartete Warterunde schnell überbrücken. Der Zug sollte nämlich nicht wie geplant um 17.46 Uhr fahren, sondern erst um 18.15 Uhr. Aber das war nicht die Schuld der Deutschen Bahn AG… 🙄

Um viertel nach sechs saßen wir alle wieder im Metronom nach Bremen und waren noch guter Dinge. Erste Station war Hamburg/Harburg. Kaum standen wir kam eine Durchsage: Der Zug fährt aufgrund eines Oberleitungsschadens nicht weiter und alle Passagiere werden gebeten auszusteigen. Ein Schienenersatzverkehr nach Buchholz sei eingerichtet.

Über eingerichtet sein und eingerichtet werden scheint es bei der Deutschen Bahn kein Unterschied zu geben. Fakt ist, das ca. 350 Leute zum Busbahnhof strömten und gerade noch dazu kamen, sich unter die Überdachung zu stellen, als es heftigst zu Gewittern anfing.

Es war 18.50 Uhr und in diesem Moment erinnerte ich mich daran, eigentlich verschlafen haben zu wollen. Denn dann hätte ich auf der Couch gelegen und hätte die Lindenstraße schauen können. Hätte wäre wenn…

Wir standen also in Hamburg/Harburg. Eine Menschenmasse drängelte in den ersten Bus, von dem sie glaubten, er gehöre zum Ersatzverkehr. Später waren wir uns da nicht mehr so sicher. Über den Verbleib der Menschen bekamen wir nichts mehr heraus…

Der erste Bus der tatsächlich zum Ersatzverkehr gehörte kam nach gut 40 Minuten. Okay, es war Sonntagabend, es ist Urlaubszeit und die Lindenstraße lief. Die Bilder der Menschen, die in den Bus wollten erinnerten mich an die purste Form des Kapitalismus.

Was mich übrigens dazu veranlasste, Brecht zu zitieren und zu ergänzen:

Vor der Moral kommt noch der Bus…

Aber das nicht ein einziger Bahnangestellter sich zu uns bemühte und uns mal über den Stand der Dinge informierte war das eigentlich skandalöse. Ja, klar. Sonntagabend. Trotzdem wäre eine Nachricht sicher gut angekommen. Genervt waren wir so oder so…

Christiane machten den Vorschlag, mal etwas näher an die wartende Masse am Anfang des ZOBs heranzurücken, der Zug werde eh warten, bis man komplett ist und die Gruppe dann schon wieder zueinander finden. Bis der nächste Bus kam, sollten nochmal 15 Minuten vergehen. In der Zwischenzeit verkehrten aber die normalen Linienbusse mit 5-7 Passagieren ganz normal und ich schüttelte über die Vorgehensweise der DB AG nur den Kopf. Hätte man aus jeder Linie, die alle zehn Minuten verkehrte nur jeweils einen rausgezogen, dann wären innerhalb von einer halben Stunde alle Gestrandeten weggewesen und in Buchholz wo unser Gegenpart auf Hilfe wartete, hätte nur 15 Minuten länger warten müssen.

Aber wer bin ich? Ich hatte nicht mal den Mut, mich zum Rädelsführer aufzuschwingen und die Masse zum Entführen von vier oder fünf Bussen zu überreden.

Dank Christiane hatten wir das Glück den zweiten Bus zu stürmen und standen dichtgedrängt in einem für 40 Personen vorgesehenen Linienbus mit insgesamt ca. 70 Leuten.

Und der Fahrer gab richtig Stoff, was uns nur recht sein sollte. Umfallen konnten wir ja nicht. Also der Bus vielleicht, aber die Insassen waren gegen das Umfallen bestens geschützt. 😉

Und wir hatten noch Glück, denn im Gegensatz zur Gruppe um meine Eltern hatte unser Busfahrer sich seine Laune nicht anmerken lassen und unterhielt uns noch mit lustigen Sprüchen.

„Ob sie es glauben, oder nicht. Unser nächster Halt ist Buchholz Hauptbahnhof.“

Oder beim Anfahren des Bahnhofs in Buchholz, wo die Verhältnisse sich ebenfalls chaotisch darstellten:

„Verraten sie beim Aussteigen bitte nicht, das ich hier bin.“

Kurz vorher musste unser Busfahrer aber noch wegen eines egoistischen Audifahrers eine Vollbremsung einleiten, die seine 70 Passagiere spontan zu einer Vorwärtsbewegung veranlasste. Der Typ konnte froh sein, das wir keine offenen Fenster hatten, sein Audi hätte der bestimmt nicht wiedererkannt. 😈

Naja, am Bahnhof in Buchholz angekommen bestätigten sich unsere Vermutungen. Das reinste Chaos…

Chaos in Buchholz

Ein IC stand da gestrandet, die Leute dort wussten auch nicht so recht, was Sache ist. Und der Bahnangestellte war auch keine Hilfe. Wollte das aber auch gar nicht so recht sein. Kurz bevor ich ein Foto von seinem gleichgültigen Gesicht machen konnte, zeigte er mir seinen Rücken, was sicher auch Symbolcharakter gehabt hätte.

Wie auch immer, an Gleis 6 tauchte die Meldung auf, dass um 20.39 Uhr ein Zug nach Nirgendwo Bremen fahren würde. Also strömten gut 200 Menschen auf Gleis 6 nur um dann eine Durchsage zu hören, das der Zug nach Bremen um 20.39 Uhr von Gleis 1 abfahren würde. Und so strömten die Hundertschaften über die Brücke auf Gleis 1. Wir vermuteten schon gelangweilte Bahnangestellte, die sich daraus ein Scherz machten, aber nachdem alle auf Gleis 1 waren, kam keine weitere Durchsage. Und wir hatten ja auch noch Glück, wir hatten schließlich kein Gepäck dabei…

Immerhin waren wir annähernd komplett, einzig Uwe fehlte noch, der mit dem Busfahrer noch mehr Pech hatte. Während der Fahrer der zweiten Gruppe rumschrie und auch sonst seinem Unmut über den unerwarteten Einsatz Luft machte, hatte Uwe einen ortsunkundigen Fahrer erwischt, der allen Ernstes seine Passagiere nach dem Weg fragte. Als der Fahrer dann auf einer Autobahnauffahrt wendete, verging seinen Passagieren das Lachen und nachdem man zum zweiten Mal falsch abgebogen war, wahrscheinlich jegliche Hoffnung. Wenigstens traf man einen Fahrer, der bereits auf dem Rückweg war, der dann wohl helfen konnte. So kam Uwe gerade noch rechtzeitig an. Gerade noch rechtzeitig kamen auch die Passagiere des IC rüber, die sich in unseren Zug auch noch kuschelten, womit zwei komplette Zugladungen sich in einen quetschten. Steffi und ich hatten beide je einen Sitzplatz, den wir erst meinen Eltern andrehen wollten (wollten aber nicht), dann Rolf-Dieter und Angela (wollten auch nicht) und letztlich Olaf und Elke überzeugen konnten, das wir vier auch auf zwei verteilt sitzen konnten. So hatten die Männer die Gelegenheit zum Gentleman und die Damen einen Grund zum dankbar sein. 😉

Mittlerweile dauerte unsere Odyssee geschlagene zwei Stunden und wir verstanden beim besten Willen nicht, wo eigentlich der Zug abgeblieben war, der die Massen in Buchholz ablieferte… Egal, man erwartet von der Bahn nicht viel, und wir wurden dahingehend auch nicht enttäuscht. 😉

Auf jeden Fall ging es jetzt weiter Richtung Bremen, was ja auch was wert ist. Und unterwegs bekamen wir dann einen Eindruck, das auch Bahnmitarbeiter fleissig sein können. Denn auch zwischen Buchholz und Bremen wurde fleissig an den Oberleitungen gearbeitet. Wenn doch nur die Bahnmitarbeiter mit dem Kontakt zum Kunden diese Einsatzbereitschaft an den Tag gelegt hätten. 🙄

Um kurz nach halb zehn waren wir dann in Bremen angekommen, unser Anschlusszug sollte um kurz nach zehn dann fahren. Den Zwischenstop nutzte ich, um für Steffi den Helden zu markieren. Sie wollte unbedingt ein Milchkaffee trinken, aber kurz noch auf Toilette. Genau gegenüber war wieder ein Crobaq und der hatte auch Milchkaffee. Und als Steffi rauskam, empfing ich sie mit einer dampfenden Tasse Pappbecher Milchkaffee. Steffi kann so schön lächeln wenn sie sich freut. 🙂

Um kurz vor zehn sollte bereits ein IC fahren und unser Kassenwart meinte, nach all der Strapaze stünde uns ein IC auch zu. Naja, wenn er dann auch den Mehrpreis im Falle des Falles übernimmt… Wir stiegen etwas unsicher ein. Viel Platz war nicht, so dass Uwe, Steffi und ich uns einen Türenplatz mit zwei Soldaten sicherten. Ein junges Mädel stieß auch noch dazu. Zu sechs standen wir also auf engstem Raum. Und waren von den Soldaten bereits genervt, bevor wir auch nur einen Meter rollten. Der eine guckte, als wenn ihm mindestens ein Chromosomen fehlen würde und was er so von sich gab war dann auch nicht viel besser. Steffi und ich kriegten uns später wegen dem sogar in die Wolle, es wäre schließlich auch kein Wunder sagte sie, wenn man es so vorgelebt bekomme beim Bund. Mein Argument war, das der Bund da nichts mehr hätte retten können und so wird ihm das bestimmt nicht da vorgelebt.

Er behauptete nämlich, nach dem Wehrdienst erstmal Hartz IV zu machen. Überhaupt kostet der Bund ja extrem viel Steuergelder… (ähm, Hartz IV auch :roll:). Uwes Reaktionen kann man sich gut vorstellen, wenn man ihn kennt. Nur so viel: Er nahm sich den Jungen zur Brust. 😉

Aber seine Spinnergeschichten gingen noch weiter, denn er wäre auch Taxifahrer vorher gewesen, und gleich bei seiner zweiten Tour hätten sich die Mädels oben frei gemacht. Komisch, sag ich. Ich fahre seit zehn Jahren und habe das nicht ein einziges Mal erlebt. Und das liegt nicht daran, das ich ein kleines Schild habe, das Frauen das blankziehen verbietet. Sondern schlicht und ergreifend daran, das Frauen nicht so ticken, wie Männer Jungs das immer gerne hätten.

Aber der Junge hatte seinen kurzen Moment der Aufmerksamkeit, bis wir ihm alle den Rücken zeigten, der Kamerad sich für ihn schämte und wir nur dachten: „Auch diese Fahrt geht vorüber.“

Und so war es auch. Um kurz nach zehn, und mit zweistündiger Verspätung erreichten wir dann endlich Delmenhorst.

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