Sarrazin und kein Ende

Nach der teilweisen Entmachtung des Vorstandsmitglieds der Bundesbank Thilo Sarrazin melden sich seine Kumpels aus der Politik zu Wort. Da wird jetzt erstmal mit Unverständnis über die Reaktion der Bundesbank reagiert, wie man aufgrund der Äußerungen ihn denn nun in seinen Aufgaben beschneiden kann.

Der finanzpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Otto Bernhardt wird wie folgt bei bild.de* zitiert:

„Die Entmachtung ist nicht transparent und nicht nachvollziehbar, weil man ihm Bereiche weggenommen hat, die nichts mit seinen Aussagen zu tun haben.“

Umgekehrt wird jedoch ein Schuh draus. Denn die Bundesbank hat ihn deshalb entmachtet, weil er sich zu Sachen geäußert hat, die er in seiner Funktion nicht hätte äußern dürfen. Als Privatmann vielleicht, aber als Vorstandsmitglied der Bundesbank hat er sich nicht in die Familienpolitik einzumischen.

Auch der SPD-Bundestagsabgeordnete Peter Danckert wird bei bild.de zitiert:

„Über seine Äußerungen lässt sich sicherlich diskutieren. Aber eine Entmachtung, wie sie jetzt die Bundesbank vorgenommen hat, ist nicht die richtige Sanktion.“

Das ist sogar richtig, auch wenn Herr Danckert wahrscheinlich was anderes meinte. Denn die richtige Sanktion wären persönliche Konsequenzen gewesen. Doch dafür ist er zu feige. Die Antwort hat die Frankfurter Rundschau parat:

„Die Antwort ist eigentlich nicht so schwer. Sarrazin braucht den Titel: Vorstandsmitglied der Bundesbank. Nur so kann er in der Mediengesellschaft mit seinem kruden Gedankengut für Empörung sorgen und Debatten befeuern.“

Und jetzt, wo sich Sarrazins Kumpel über seine ungerechte Behandlung beschweren, wird weiter von einem Thema abgelenkt.

Ein Bekannter von mir aus Berlin, mit dem ich mich gestern darüber unterhielt, machte mich auf einen interessanten Aspekt aufmerksam. Jeder hat irgendwas über die Äußerungen zu sagen. Die rechtskonservativen stimmen Sarrazin unumwunden zu, die Linken schreien Zeter und Mordio. Und die Mitte weiß, so kann man das nicht sagen, aber irgendwie hat er ja auch Recht.

Aber wer Schuld ist und warum, und damit komme ich zu meinem Bekannten, DAS wird dabei die ganze Zeit nicht beachtet.
Und es stimmt. Denn sowohl Sarrazins ehemalige Parteigenossen, sowie unzählige Vorgänger haben nichts für die Integration der türkisch- und/oder arabischstämmigen Mitbürger getan. im Gegenteil, in den Siebzigern waren es noch Gastarbeiter. In den Achtzigern wurden sie bestenfalls geduldet. In den Neunziger durch die neu aufkommende Rechte verfolgt. Und in diesem Jahrzehnt als integrationsunwillig gebrandmarkt.
Und nicht nur bei der Intergration wurden eklatante Versäumnisse gemacht, auch die Bildung wurde in einem Maße vernachlässigt, deren Zeche wir jetzt doppelt und dreifach bezahlen.

Dazu wurde in all diesen Jahren der Ghettoisierung tatenlos zugeschaut und jetzt darüber die Nase gerümpft, ohne zu erkennen, dass man Mitschuld an dieser Misere trägt. Um dieser Erkenntnis aus dem Weg zu gehen, wird halt mit dem Finger auf Sarrazin oder schlimmer noch, auf eben diese Bevölkerungsgruppen gezeigt.

Zum selben Thema wurde heute morgen im Deutschlandfunk auch Vural Öger, türkischstämmiger Unternehmer und ehemaliger SPD-Europaabgeordneter befragt:

„Deutschlandfunk: Aber ist diese Entmachtung nun umgekehrt ein Fortschritt für die Integration?

Öger: Auf alle Fälle. Ich glaube, auf alle Fälle, denn letzten Endes wird ja auch die sogenannte türkischstämmige Bevölkerung in Deutschland einsehen, dass solche Töne von Sarrazin von der Mehrheit der deutschen Gesellschaft nicht akzeptiert werden. Insofern ist es ein positives Zeichen und ich glaube, das wird eher ein Ansporn sein für die Menschen in der Bundesrepublik, die nicht deutscher Herkunft sind, türkische oder arabische, dass hier wirklich auf dem Weg in die Integration ein positiver Schritt gemacht wurde. Das auf alle Fälle, so sehe ich das.“

Schön wäre es ja, wenn der Schritt tatsächlich so positiv wäre, wie er eventuell aufgefasst wird. Die Reaktionen auf die Aussagen Sarrazins zeigen jedoch, dass in unserer Gesellschaft die Bereitschaft zur Integration fehlt und die Strategie der Meinungsmacher voll aufgegangen ist. Durch wiederholtes vorzeigen von Negativbeispielen, sei es bei den „bösen Ausländern“, sei es bei „Hartz IV Schmarotzern“, glaubt der Großteil der Bevölkerung das was sie glauben soll. Und stimmt einer Reduzierung von Sozialleistungen freudig zu, während sich die Unternehmer weiter schamlos über die hohe Steuerlast beschweren dürfen. Und deshalb ist der Schritt der Bundesbank zwar positiv, aber auch rein symbolisch.

Denn wie Herr Öger im weiteren Verlauf des Interviews treffen sagt:

„[…] denn letzten Endes hat man diese Menschen in den 60er-, 70er-Jahren wirklich händeringend nach Deutschland gebracht. […] Man ging davon aus, dass die nicht dort bleiben würden, man hat sie deswegen Gastarbeiter genannt. Es gab kaum seitens der Regierung etwas in Richtung Integration, Integrationsbemühungen wie auch immer. Man hat sie so am Rande wahrgenommen, sie sollten arbeiten und zurück in die Häuser, wie auch immer. Gerade für die zweite Generation aus den 80er Jahren gab es leider nicht viele Bemühungen. Man wünschte, die gehen irgendwann mal zurück. Jetzt, 40 Jahre danach, reden wir über die Probleme der Integration. Auf diese Vorgänge kann man eingehen, aber ich bin der Meinung, dass man die andere Seite auch mit aufs Brot nimmt. Es gibt sehr viele Fehler in Sachen Integration, aber es gibt auch sehr gute Integrationsbeispiele. Es gibt Menschen in der Bundesrepublik türkischer Herkunft, die sind Entertainer, die sind Filmregisseure, die sind Abgeordnete, die sind Chefärzte. Auch ein paar gute Beispiele muss man ebenso mit erwähnen, denn immer wieder negative Beispiele vorzuzeigen, das bringt natürlich nichts weiter. In den USA werden immer wieder wirklich die guten Integrationsbeispiele hochgehalten als sozusagen Integrationsfiguren, Figuren, an denen man sich auch orientiert. Dies findet hier in den Medien nicht sehr, sehr viel Anwendung, bis auf sehr wenige Ausnahmen.“

Um dem Thema jetzt auch den passenden Abschluss zu geben, verlinke ich hier mal auf Tobias Schlegls Besuch bei einer Banker&Broker After-Work-Party…

*Es ist ja nicht so, dass es mir peinlich und äußerst unangenehm ist, ausgerechnet aus der BILD zu zitieren. Aber soll ich stattdessen aus dem Stern oder von tagesschau.de zitieren, die wiederum die BILD zitieren? Und jeder Politiker der sich von BILD vor das Diktiergerät gezerrt wird, ist ein Politiker zu viel!

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