Ein Stern, der unseren Namen trägt (Türkei, 3. Tag)

Um halb vier morgens saß ich senkrecht im Bett. Bzw. ich versuchte senkrecht zu sitzen, was angesichts der Bewegungen des Bettes nicht möglich war. Steffi schlief seelenruhig, bildete ich mir das also nur ein? Auf gar keinen Fall, hier schüttelt sich alles. Ich kannte mich zwar mit sowas nicht aus, aber der Fall war klar. Hier handelt es sich um ein Erdbeben. Ähnliches habe ich schon im Erdbebensimulator im Universum in Bremen erlebt. Nach einer gefühlten Ewigkeit, die ca. zehn bis zwanzig Sekunden dauerte war der Spuk auch wieder vorbei. Es sollte aber noch eine geraume Zeit vergehen, bis ich wieder einschlafen konnte.

Aber als der Imam wieder seine Gebete anstimmte, da wachte auch Steffi auf. 😉

Nach dem Frühstück – bei dem ich mit einem Ohr nach Erdbeben als Gesprächsthema lauschte und mitkriegte, dass nachts ein Erdbeben der Stärke 4,4 auf der nach oben offenen Richterskala die türkische Ägäis heimsuchte – sollte unser Reiseleiter gegen viertel nach neun im Hotel auftauchen. Die gute Laune Steffis, die von Frühstückseiern herrührte, verflog aber mit jeder Minute Wartezeit, die wir vergeblich warteten. Nach einer knappen halben Stunde reichte es Steffi und sie verzog sich an den Strand. Ich gab nicht auf und genoss es sogar zu warten. So konnte ich an der Straße sitzen und die Umgebung und die Personen beobachten.

Ja moment mal. Was war das denn gerade eben? Habe ich da tatsächlich ein Auto mit deutschem Kennzeichen um die Ecke biegen sehen? Und war es nicht sogar ein Oldenburger Kennzeichen?

Um kurz nach zehn tauchte der Reiseleiter unter einen Schwall von Entschuldigungen auf. Zusammen mit Steffi setzten wir uns an die Strandbar und er stellte uns ein paar Angebote vor.

  • Pamukkalle kam für uns nicht in Frage, weil die Fahrzeit von über 3 Stunden uns abschreckte.
  • Daylan klang sehr verlockend, aber ich befürchtete, dass der Strand und das Schlammbaden sehr überlaufen sein wird (wie beim Schlammbaden auf den Fotos auch zu erkennen war).
  • Beim Buchtenhoppen wurden wir hellhörig. Das interessierte uns schon, fünf Buchten abzuklappern.
  • Und dann stellte er noch eine Fahrt zur antiken Stadt Ephesos vor. Jetzt wurde ich hellhörig. Und nur dreieinhalb Stunden Fahrt…

Da er noch was holen wollte, hatten Steffi und ich kurz Gelegenheit, uns zu beraten.

Am Tisch nebenan saßen Deutsche, die uns vom Buchtenhoppen abrieten. Das gibt es im Hafen viel günstiger.

Pamukkalle hatten wir beide keinen Bezug zu, abgesehen von den schönen Kalkterrassen. Aber dafür den ganzen Tag im Bus unterwegs sein? Nein.

Ephesos, das merkte Steffi schnell, war genau mein Ding. Dafür würde ich auch den ganzen Tag unterwegs sein wollen. Der einzig negative Punkt neben dem frühen Aufstehen, den wir erst nach der Bezahlung erfuhren, war,  dass die Fahrt am Donnerstag und damit an unserem letzten Urlaubstag in Turunc sein sollte.

Und wenn wir Ephesos wirklich buchen würden, dann würden wir nicht auch noch nach Daylan schippern, wogegen ich aus oben genannten Gründen auch nichts hatte. Auch wenn uns die Schildkröten sicher gereizt hätten.

Da der Reiseleiter gegen Mittag noch mal wiederkommen wollte, um die „Gelsenkirchener“, wie wir ein deutsches Pärchen benannten (aufgrund ihres Aussehens, obwohl es dem Dialekt nach eher Thüringer waren) zu beraten, baten wir bei Daylan und dem Buchtenhoppen um etwas Bedenkzeit. Sollte es im Hafen keine Five Bay Tour geben, hätten wir immer noch die Daylantour oder das Buchtenhoppen bei Tui buchen können.

Wir latzten also erstmal die 57 Euro pro Person für den Ephesosausflug ab. Was wir noch nicht wussten, es sollte jeden Cent wert sein.

Bei einem wirklich freundlichen Herrn im Hafen buchten wir für den darauffolgenden Tag eine Five Bay Tour für zehn Euro pro Person (statt vierzig wie bei Tui). Jetzt freuten wir uns riesig, denn damit hatten wir unsere zwei Touren im Urlaub eingetütet und konnten den Rest des Tages faulenzen.

Eines hatten wir jedoch noch vor. Ich wollte meine gelernten Gleichgewichtsskills nutzen, um auf der Luftmatratze rauszupaddeln und vom Wasser aus Fotos vom Panorama zu machen. Das Adrenalin stieg. Ein Fehler und mit Fotos vom Urlaub wäre sofort Sense gewesen. Aber ich habe es zum Glück geschafft.

Ich überlege noch, mit einer Software die Bilder zu einem Panoramabild zusammenzufügen. 🙂

Wie gesagt, den Rest des Tages ließen wir es uns gut gehen. Abends saßen wir bei einem (oder zwei, oder drei) Alster(n) an der Strandbar, als uns der Prophet erschien. So nannten wir ihn jedenfalls. Gerne auch Johannes. Der richtige Name blieb im Verborgenen und tut auch nichts zur Sache. Ein jugendlicher Deutschtürke aus Düsseldorf, höchstens 27 Jahre, sah uns so sitzen und ihm war klar: Wir sind ein Traumpaar. Und das musste er uns auch dringend erzählen.

Ihr seid wie zwei Sterne, die sich zu einem Stern verschmelzen und noch heller scheinen. Und diesen Stern kann ich über euren Köpfen sehen.

Ja gut, vielen lieben Dank für das Kompliment. Aber zu Wort kamen wir nicht. Denn sein Monolog begann nach dieser Einleitung erst richtig Fahrt aufzunehmen. Als der Imam sein Nachtgebet anstimmte, erklärte er uns, was er für ein schlechter Moslem wäre und wir Glück hätten, denn wir können gute Moslems werden. Schade, dass ich es mit dem Glauben an Gott so gar nicht habe, egal welcher Prophet oder Sohn Gottes da nun was geschrieben hat oder hat schreiben lassen. Aber wie gesagt, das konnten wir ihm nicht sagen, da sein Monolog Unterbrechungen nicht duldete.

Was die ersten fünf Minuten noch sehr nett war, geriet dann leider ins Abstruse. Er ist z.B. in den Wald gegangen um seinen Glauben zu finden und hatte Halluzinationen. Das kenne ich zu gut und ich bin mir sicher, die kamen bei ihm nicht nur durch den Glauben, sondern durch andere Hilfsmittel. Oder das wir, egal welchen Glauben wir hätten, jeder zu respektieren ist, außer dem jüdischen. Den Juden sind böse und wollen nur die Weltherrschaft an sich reißen. Irgendwann retteten uns dann seine Kumpels vor einem Riesenkotelett am Ohr.

Aber auch anderes Getier begegnete uns, wie zum Beispiel eine einäugige Katze.

Die machte auf der Coolness-Skala schon was her. Katzen waren übrigens die Lieblingstiere des Propheten, also dem echten Propheten Mohammed, weshalb Katzen in islamischen Ländern ein unbeschwertes Leben führen. Auch in der laizistischen Türkei.

Nachdem also der andere Prophet uns erfolglos zu bekehren versuchte, packten wir jeder unseren Stern ein und gingen noch etwas an der Strandpromenade längs. Dabei bot sich wieder Gelegenheit, um Bilder zu schießen.

Auf meinem Bild ist schon eine Sorgenfalte auf der Stirn zu erkennen, die sich die späteren Tage noch zu einer Furche entwickeln sollte. Mein Magen fing an dem Abend an, nervös zu werden. Ein Gefühl, dass ich sonst nur vom hörensagen kenne.

Auf dem Rückweg wurden wir noch Zeuge eines ganz besonderen Familienfestes, einer Beschneidungsfeier. Schon am späten Nachmittag ist ein hupender Autokorso durch das Dorf gefahren. Abends saß die Gemeinschaft dann auf offener Straße und feierte ausgelassen den wichtigen Tag zweier angehender Männer. Und obwohl die Feier in unmittelbarer Nähe unseres Hotels war, hörten wir auf unserem Zimmer davon nichts mehr.

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Eine Antwort to “Ein Stern, der unseren Namen trägt (Türkei, 3. Tag)”

  1. Der Grund der Entscheidung (Türkei, 5. Tag) « Düstere-Grenze Says:

    […] den letzten Nerv raubte. Die Mutter hatte eine Liege, die mit einer Auflage bezogen war (einer wie auf dem Bild mit der Katze) und auf dieser Liege noch eine Auflage von einer anderen Liege drauf packte, so dass einige Liegen […]


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