Eine ganz persönliche Musikgeschichte (4. Fortsetzung)

Finger hoch, wer geglaubt hat, dass die Reihe nicht fortgesetzt wird! 😉

Heute gibt es dann statt eines Polterabends einen Punkerabend…

Die Eindrücke des vergangenen Jahres hatten mir meine Richtung vorgegeben. Jeglicher Rassismus oder Fremdenhass war mir zuwider und in meinen Augen verabscheuungswürdig. So wurde ich geradewegs in eine neue Musikrichtung gestoßen, die meinen Unmut in Worte, Töne und Lieder fassten und zugleich nicht nach Weichspülermusik klangen. Dem Punk. Natürlich hörte ich weiterhin Metal-Musik und besuchte auch Konzerte. Aber es mischte sich zu meinem eh breit angelegten Repertoire zunehmend Musik aus Deutschland.

Das wahrscheinlich erste Lied auf das ich in der Hinsicht stieß, wie sollte es anders sein, war von Slime. Nazis raus!

Damit war der Boden bereitet und mein nächster Kauf war ein Sampler, um mein Spektrum in der Punkmusik zu erweitern: Der Soundtrack zum Untergang. Und fortan sollten Texte in der Musik für mich eine der wichtigsten Rollen einnehmen. Was bei Punkmusik auch nicht verwunderlich ist. Obwohl ich die drei Akkorde immer noch sehr gerne höre. 😉

Mit 17 Jahren kann, wenn man über sich und die Gesellschaft so nachdenkt, die Wut ungeahnte Ausmaßen annehmen. So war es auch bei mir. Ich las viel, ich dachte viel nach und ich hatte eine Riesenwut. Auf das System, dass auf die Ausbeutung anderer angewiesen ist um selber stetig zu wachsen und noch mehr auszubeuten um weiter zu wachsen. Auf die Menschen, die es hinnehmen und sich es in diesem System gemütlich machen. Und auf mich, weil ich alleine kaum was dagegen ausrichten kann.

Doch bevor ich mich darüber aufregte, was andere für mich tun könnten, habe ich selbst was getan. Mit den damaligen Kumpels besuchten wir die PDS-Zentrale in Bremen und organisierten uns dort politisch in der AG Junge GenossInnen. Mit diesen Kumpels bauten wir dann in Delmenhorst die PDS auf und waren am Wochenende in der Innenstadt, wo wir uns an Informationsständen als rote Socken und Kommunistenpack beschimpfen ließen, während wir uns unter der Woche mit anderen Parteien trafen und diskutierten. Diskutieren war zu der Zeit eh meine Leidenschaft. Mein Lieblingsunterricht am Wirtschaftsgymnasium, dass ich zu der Zeit besuchte, war „Werte und Normen“, in dem man wunderbar diskutieren konnte.

Mit meiner Einstellung, dass alle Menschen gleich sind und sie auch so behandelte, mit dem entsprechenden Respekt, gewann ich viele Freunde. Nur meine politische Einstellung wollte damals keiner so recht mit mir teilen.

Wie ich ja schon mal schrieb, zierten mein Zimmer viele Poster von Bands, die ich nicht immer unbedingt kannte, aber einen coolen Eindruck machten. Und wie ich gerade erwähnte, las ich viel zu der Zeit. So kam es, dass ich mir einen Büchereiausweis besorgte. Und dort sah ich eine CD von den „Einstürzenden Neubauten“. Die Band hing zu der Zeit schon zwei Jahre in meinem Zimmer als Poster und bis dato hielt ich sie (ernsthaft) für eine Punkrock-Band, die ich noch nie (ja, wirklich) gehört hatte. Die CD war die „Tabula Rasa“ (Amazon-Partnerlink) und ich musste sie mir einfach einstecken. Zusammen mit meiner damaligen Freundin – also Freundin im Sinne von Freund und nicht im Sinne von Knutschen, Händchenhalten und dem ganzen Zeugs – die überwiegend dieselben Interessen hatte wie ich –  nennen wir sie der Einfachheit halber mal Nina – saß ich in ihrem Zimmer, schoben die CD ein und ließen unsere Vorstellungen von der Band mit jedem weiteren Lied fahren. Es war wie eine Offenbarung. Als das letzte Lied „Headcleaner“ zuende war, schauten wir uns nur an und begannen die CD von vorne.

Die Einstürzenden Neubauten begleiteten mich von da an und zum Teil begleitete ich sie. Keine Band habe ich häufiger live gesehen (dreimal). Nun ging ich nach meiner Metal-Zeit meinen Eltern richtig auf den Geist. Der Namen der Band hat sich bei meinen Eltern geradezu eingehämmert, auch dank freundlicher Unterstützung meines kleinsten Bruders. 😉

Den Geist raubte ich ihnen aber nicht nur wegen der Musik. Respektlosigkeit und Kampf gegen die Obrigkeit wurde zu meiner Maxime erkoren. Das zeigte ich auch nach außen, wo ich mir langsam anfing die Haare wachsen zu lassen. Dabei ging ich mit einem Trick vor. Die Seiten wurden kurzrasiert (wenn auch noch nicht kahl). Was da fehlte, ließ ich oben länger wachsen. Wenn auch unter strenger Beobachtung der häuslichen Obrigkeit. Denn so lange ich meine Füße unter den Tisch meiner Eltern…blabla.

Zu dieser Zeit gab es viel für mich zu entdecken. Zum Beispiel entdeckte ich das „Kakao trinken“ für mich. Der Einfluss dessen und die Tatsache, dass es 1993 noch MUSIK-Sender im Fernsehen gab, bereicherten mein Leben mit einer weiteren Entdeckung. Eine kleine isländische Sängerin, die in ihren Videos so natürlich rüber kam und unglaubliche Geschichten erzählen konnte, ließ mich gleich zum Plattenladen rennen und ihre LP „Debut“ kaufen. Allerdings ist es mir bis heute verwehrt geblieben, sie live zu sehen. Eine der Sachen, die auf meiner To-Do-Liste fürs Leben ganz weit oben steht.

Aber auch die ältere Musik hatte für mich seinen Reiz. Im Sommer der Liebe 1993 legte ich des öfteren „Cat Stevens“ auf. Als ich dann mit meiner damaligen Freundin, nennen wir sie mal Karina, das erste Mal in die Kiste hüpfte – also das erste Mal für mich; sie war da „etwas“ erfahrener – liefen die „Best of“ von ihm.

Aber es gab nicht nur schöne Momente in diesem Jahr. Das wohl schrecklichste Erlebnis war zweifelsohne der Brandanschlag in Solingen, bei dem fünf Menschen zwischen 4 und 27 Jahren ums Leben kamen. Fünf Menschen die starben, weil sie in den Augen der Mörder die falsche Herkunft hatten. 👿

In diesem Jahr ereignete sich auch in einem Bahnhof in Bad Kleinen eine misslungene Festnahme, die zum Tod von Wolfgang Grams und einem Polizisten führten. Die ganze Geschichte um diese Festnahme interessierte mich nicht wirklich. Was mich aber interessierte, waren die Beweggründe der RAF, in den bewaffneten Widerstand zu gehen.

Dazu las ich mehrere Schriften von Ulrike Meinhof Horst Mahler, um die Motive zu verstehen. In ihren Schriften erklärten sie, wie der Systemumsturz abzulaufen habe, die sich im Buch nicht so gewaltvoll darstellten. In der Realität sah es leider anders aus und außerdem schienen sie die Macht der Medien unterschätzt zu haben. Wie auch immer, mir war ein politisch geführter Umsturz lieber. Wobei ich in meinem Leben schon oft genug an meiner pazifistischen Grundhaltung zweifeln musste…

Ende Oktober, es war Freimarkt in Bremen und in der Stadthalle Bremen – so hieß die damals noch – gaben sich „Paradise Lost“ und „Sepultura“ die Ehre. Natürlich war ich da, mit Thomas, einem damaligen Kumpel. Wir lungerten vor der Stadthalle rum, als wir von einem Mädel auf den Konzertort angesprochen wurden. Wie sich herausstellte, war sie – ich nenne sie hier mal Maren – mit ihren Kumpels da um das Konzert zu besuchen. Sie kamen aus Ostfriesland, genauer aus Leer und kannten sich in Bremen nicht aus. Die Ostfriesen waren sehr nett, also unterhielten wir uns ein wenig. Naja, ich unterhielt mich mit ihnen, weil Thomas…naja…er fand sie nicht so nett. Er war eher der Selbstverliebte…

Und ein wenig unterhalten ist auch untertrieben. Während des Konzerts saß Maren neben mir, während ihre Jungs sich in die Menge mischten. Und während des Konzerts unterhielten wir uns auch annähernd ununterbrochen. Nach dem Konzert brachte ich sie und ihre Kumpels dann noch zum Auto zurück, wo ich als „Danke schön“ einen kleinen Kuss bekam.

Wow, die Frau hatte es mir echt angetan. Nun war ich zu der Zeit noch mit Karina zusammen. Kein Problem, kurzerhand Schluss gemacht, eine Bahn-Card gekauft und an den Wochenenden nach Leer gefahren.

Ich muss dazu sagen, dass Karina ein wirklich sehr nettes Mädchen war/ist, nur zu der Zeit war klar, dass sie für unbestimmte Zeit nach Südamerika gehen würde. Diese Unsicherheit bei der Beziehung machte mich sehr empfänglich für Maren, die, im Nachhinein betrachtet, dass netteste Mädchen war, dass ich bis Steffi kennen lernen durfte.

Den Herbst verbrachte ich also in Sehnsucht auf Maren und das Wochenende und das Wochenende mit Maren.

Zu dieser Zeit hörte ich viel R.E.M., da kaum was besseres in ihrer CD-Sammlung zu finden war. *hüstel*

Aber da mein Musikgeschmack bereits breit gefächert war und sie auch gelegentlich in Delmenhorst war, konnte ich damit sehr gut leben. Schließlich war sie, wie gesagt, ein sehr nettes Mädchen und auch mit ihrer Familie verstand ich mich sehr gut. Unvergessen der Moment, als ihr Vater mich beiseite nahm als das Haus nur von uns beiden bevölkert war.

Komm Stefan, wir müssen mal reden!

Ich saß also mit dem Vater meiner Freundin auf der Couch und er sagte:

Also über das „Kakao trinken“ brauchst Du mir nichts erzählen. Da habe ich schon alles mitgemacht. Schwarzer Afghane, gelber Libanese. Das ganze Programm.

Ich war 17 Jahre, trug meine Leidenschaft über das „Kakao trinken“ nicht unbedingt vor mir her, auch wenn ich entschieden für eine Legalisierung eintrete. Aber das hat mich dann doch überrascht. Ich glaube, in diesem Moment wurde mein Weltbild um eine weitere Facette reicher. Es gibt wirklich alte Menschen (er war zu dem Zeitpunkt fünf Jahre älter als ich jetzt), die auch „Kakao trinken“ oder es mal getan haben. Unglaublich.

So weit lief es also ganz gut, wenn ich mir nicht selbst im Weg gestanden hätte. Ich wiederholte die 11. Klasse des Wirtschaftsgymnasiums. Nicht weil ich den Anforderungen nicht gerecht wurde, sondern weil ich den Anforderungen nicht gerecht werden wollte. Ich hatte schlicht und ergreifend keine Lust, ein Mitglied des Wirtschaftssystems, wie ich es erlebte, zu sein. Ich wartete nur auf meinen 18. Geburtstag, um die Schule zu verlassen. Was danach werden sollte? Ich hatte zu dem Zeitpunkt keine Ahnung.

Noch etwas hatte ich ja bereits angedeutet im letzten Beitrag. Meine Liebe für Nirvana hatte ich entdeckt. Im Sommer empfand ich die Musik nicht mehr als Mädchenmusik und die Texte auf mein Leben maßgeschneidert. Für die ganze Jugend, wie es später unisono hieß. Wie treffend beweist der letzte Song für heute. Wut, Perspektivlosigkeit, Hilflosigkeit. Der Wunsch nach Menschen, die sich mit Respekt begegnen. Und weise Menschen, die in Form von Frauen ins Leben traten.

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5 Antworten to “Eine ganz persönliche Musikgeschichte (4. Fortsetzung)”

  1. Morgis Says:

    Der bislang bewegenste Teil der Reihe. Weiter so.

    Ich wusste zwar, dass Deine „Neubautengeschichte“ in einer Bücherein anfing, aber dass es das gleiche Album war, wie bei mir damals wusste ich gar nicht. Ich wusste auch gar nicht ob Du mir die Tabula Rasa nahe gelegt hast oder ob ich sie mir irgendwie herausgesucht hatte, weil du hattest mir ja mehrere mitgegeben.

    Da ich Neubauten beim ersten Mal alleine gehört habe, konnte ich nach stillem (und bedächtigem) Durchhören niemanden ansehen, aber die CD wurde von mir ebenfalls neu gestartet :).

    • Morgis Says:

      ähhh… damals „wusste“ ich das ganz sicher mal aber heute „weiß“ ich es nicht mehr… 😉

    • stefanprass Says:

      War ja auch eine bewegende Zeit damals. Und es wird auch in der nächsten Ausgabe, auf die man nicht so lange warten wird, so weitergehen.
      Das war auch der Grund, warum ich so lange mit der Folge gewartet habe. Ich hatte schon so eine Ahnung, dass mich die Erinnerung an die Zeit ganz schön runter ziehen wird. Und so ist es gerade auch. Und die nächste Ausgabe wird nicht besser für mich. Aber da muss ich jetzt durch.


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