Wes‘ Kind ich bin, des‘ Lied ich sing

Letzte Woche beim Polterabend wurde kurz ein Thema aufgegriffen, auf das ich noch mal zurückkommen möchte.

Einer der Gäste war der Meinung, dass die Musik aus den Sechzigern und Siebzigern die Beste ist. Das ist natürlich eine rein subjektive Meinung. Mit meiner Ansicht, dass die Musik der Achtziger die Beste ist, stehe ich auch meist alleine da. Der Gast, der das behauptet hat, ist Mitte Sechzig und damals mit der Musik groß geworden. Nicht anders ist es bei mir mit Musik aus den Achtzigern und Neunzigern.

Im Unterschied zu den beiden älteren Dekaden haben die Achtziger und Neunziger aber ein anderes grundlegenderes Problem: Die Kommerzialisierung.

Ich persönlich hatte nie einen richtigen Zugang zur Musik älterer Generationen. Bis auf  die „Doors“ und die „Beatles“ blieben die meisten Bands außerhalb meines Interesses. Natürlich gibt es viele Lieder, die ich kenne und die ich auch mag, aber ich kann nicht behaupten, dass es zu meiner Lieblingsmusik gehört (mit Ausnahme der beiden eben genannten). Zum Beispiel habe ich nie den Hype über Led Zeppelin verstanden, die mir in ihrer Art viel zu indirekt sind/waren. Hier noch ein Solo, da noch ein ungewöhnliches Instrument reingebracht. Aber richtig aufm Punkt kommen die nie.

Und was wollen sie mir überhaupt sagen? „Stairway to heaven“ als Beispiel. Hat Plant da erstmals Gras geraucht und war so was von weg, dass er auf diesen Text kam?

Ich mag Musik, die aufm Punkt kommt. Schnell, direkt und gerne mit einer Aussage, die mich auch mal zum Nachdenken bringt, weil sie meine Verhaltensweisen in Frage stellt. Und nicht, wo ich erst Nachdenken muss, was für ne Metapher da gerade wieder gemeint ist.

Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger gab es kurz eine Phase, in der klar gemacht wurde, dass jeder Musik machen kann, wenn er es will. Jeder kann Idol sein, viele wollten es aber gar nicht. Am Ende wurden aber die berühmt, die bereit waren, sich als Idol verkaufen zu lassen. „Nena“, „Die toten Hosen“ oder „Duran Duran“ zum Beispiel. Die Idee starb bis zum Aufkommen der Elektro-Szene fast vollständig aus. Es wurden nur Musiker gehypt, die bereit waren, dem aktuellen Trend mitzumachen, ohne das die Produzenten der Major-Labels überhaupt verstanden haben, was sie da genau für Musik verkaufen. Daher war die „Neue Deutsche Welle“ auch so schnell wieder untergegangen.

Dann flackerte die Erkenntnis der „Musik von Jedermann“ mit elektronischer Musik noch mal richtig auf, weil man nicht mal mehr Instrumente brauchte um Musik zu machen. Doch die Musikindustrie ließ sich nichts von ihrem Kuchen nehmen und kommerzialisierte auch diesen Bereich.

Seitdem habe ich in der Musik nichts neuartiges, revolutionäres mehr erlebten dürfen. Retortenmusik allenthalben, egal ob es Pop, Rock, Elektro, Hip-Hop oder Metal ist. Es werden heutzutage Musiker als revolutionär gefeiert, die das Musikbusiness verstanden haben und ihren Vorteil daraus ziehen, wie „Lady Gaga“. Aber das ist im Vergleich zu „Elvis Prestley“ oder den „Beatles“ nichts wirklich revolutionäres. Es bewegt nicht die Jugendkultur in dem Sinne, dass es gegen etwas aufbegehrt, sondern es lässt sie noch dichter in der Marketing- und Mode-Maschinerie wachsen. Eine Symbiose von unterschiedlichen Geschäftsbereichen (Mode und Musik), die übrigens auch in den Achtzigern ihren Anfang nahm.

Wenn ich also sage, dass ich die Musik der Achtziger und Neunziger mag, dann nur deshalb, weil ich mit ihr aufgewachsen bin und dort auch stark differenziere. Niemals würde ich „Nena“ oder „Michael Jackson“ als meine Lieblingsmusik bezeichnen – sollte ich das jemals tun, ruft die Polizei, denn ich bin dann in Gefahr! Musik, die festgefahrene Strukturen aufbricht, zählt dagegen definitiv zu meinen Favoriten.

Aber ich kann gut verstehen, wenn jemand sagt, dass in den Sechzigern die beste Musik gemacht wurde. Wenn diese Meinung ebenfalls eine gewisse Kritikfähigkeit beinhaltet. Denn in den Sechzigern war auch nicht alles Gold was glänzte. Und in den Siebzigern schon gar nicht. Und auch heute wachsen ja noch Menschen mit aktueller Musik auf. Weil sie deren Kinder sind.

Advertisements
Veröffentlicht in Musik. Schlagwörter: , , , , . 4 Comments »

4 Antworten to “Wes‘ Kind ich bin, des‘ Lied ich sing”

  1. ulf_der_freak Says:

    Wes‘ Kind ich eß, des Lied ich sing?

  2. Silberaugen Says:

    Ich dachte aber auch erst daran. Weil „Wes Brot ich eß…“, und so oO, Komische Sachen tust du mit Aphorismen.

    *g*

    Alles Liebe,

    Silberaugen

  3. Ma Rode Says:

    Wenn ich meinen Leuten erzähle, dass ich mich auf das nächste Konzert von Jean Michel Jarre freue, ernte ich meist nur ein „Hä? Wer?“ Und dabei ist der Altmeister der elektronischen Musik nicht gerade unkommerziell …


Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: