Das Model

Er sah nur kurz in den Spiegel, während er sich etwas Puder ins Gesicht tupfte. Er bedeckte damit nur die Stelle, an der er gerade sein Schweiß wegwischte.

„Das die verdammten Scheinwerfer immer noch so heiß sein müssen!“

Und das zu Zeiten, wo die LED-Lampen in fast allen Lebensbereichen eingesetzt wurden. Aber in dieser ehemaligen Konzerthalle hingen noch die alten hitzigen Scheinwerfer von der Decke.

Gleich würde er ein drittes Mal auf die Bühne gehen. Umgezogen war er bereits und musste sich dennoch beeilen, um in die kurze Schlange der anderen Models sich einzureihen. Der Designer war einer dieser typischen Ätzbacken. Egomanisch und aufbrausend, doch eigentlich nur ängstlich, seine Show könnte durch den kleinsten Gehfehler den Bach runtergehen. Und mit der Show die ganze Welt gleich mit. Er mochte diese Drama-Queens – oder in diesem Fall Drama-King – nicht. Doch er bekam das Geld von ihnen, also spielte er mit.

Er hatte auch nie wirklich vor, Model zu werden. Aber er wehrte sich auch nicht. Mit 17 wurde er auf der Straße angesprochen und er weiß noch genau, wie er damals dachte, man wolle ihn verarschen. Das er ein schönes Gesicht hatte, hörte er nicht zum ersten Mal. Aber damit Geld verdienen?

Bis zum letzten Augenblick ging er davon aus, dass irgendeine Porno-Produktionsfirma ihn ansprach, weshalb sein Vater damals mitgekommen ist. Das Fotoshooting lief blendend und sein Vater schwelgte in Erinnerungen. Natürlich kannte er die Geschichte von seinem allerersten Fotoshooting im Krankenhaus, als er im Alter von drei Tagen die Fotografin verzückt hat. Das er keine 18 Jahre später bereits sein eigenes Album hätte, mit dem er sich bei den Agenturen bewarb, hätte sein Vater jedoch nicht gedacht.

Anfangs verdiente er sich damit ein hervorragendes Zubrot zum Studium. Vor allem war es relativ leicht verdient und er kam damit auch ein bisschen rum. Als die Aufträge besser bezahlt wurden, fing er an, sich Geld für ein Auslandsjahr beiseite zu legen. Mittlerweile könnte er von dem Geld ein ganzes Jahrzehnt im Ausland verbringen. Doch tut er das sowieso schon die meiste Zeit des Jahres. 26 Jahre ist er jetzt. Das Studium hat er mit Ach und Krach abgeschlossen und das Auslandsjahr noch nicht begonnen.

Lange wird er den Job eh nicht mehr machen können. Nicht weil das Alter ihm Grenzen setzt. Sondern weil die Oberflächlichkeit der Branche ihm mehr und mehr zusetzt. Seine Eltern hatten ihn gewarnt und sie sollten Recht behalten. Anfangs war natürlich alles spannend und aufregend, besonders als die ersten Aufträge im Ausland eintrudelten. Doch nach fünf Jahren, davon drei fast vollständig aus dem Koffer heraus, ist der Reiz verschwunden.

Der Rassismus der Modebranche ist auch noch im Jahre 2038 allgegenwärtig. Schwarze Männer werden gerne als potente oder animalische Figuren missbraucht, während schwarze Frauen fast nie vom Laufsteg oder den Hochglanzmagazinen lächeln. Da wird es schon als Fortschritt gefeiert, wenn sich auf den Covern asiatische und europäische Models abwechseln. Von der generellen Oberflächlichkeit ganz abgesehen. Bilder werden bearbeitet, damit die Haut immer schön makellos aussieht. Ein Pickel beim Shooting? Kein Problem, wird retuschiert. Bloß keine Abweichung vom Schönheitsideal. Und wehe, man legt den Schal links auf die Schulter, statt rechts wie vom Designer gefordert…als gäbe es die hungernde Bevölkerung auf den Philippinen nicht, wird so eine Lappalie als das Schlimmste aufgebauscht, was der Menschheit hätte passieren können.

Okay, er verdient auch nicht schlecht damit, doch seine Seele wird arm daran. Ein, vielleicht noch zwei Jahre, dann, so hat er sich geschworen, ist endgültig aus mit dem Laufsteg. Und mit dem Fotoshootings sowieso. Dann wird es, so seine Hoffnung, endlich Zeit für eine eigene Familie. Die richtige Frau dafür hat er schon getroffen.

Der Augenblick naht. Er steht vor dem schweren Vorhang, der zu diesem Zweck extra hier aufgehangen wurde. Der Designer steht mit dem rechten Arm fuchtelnd neben ihm, während der linke Arm das Klemmbrett unter seiner Achsel fest hält.

„Los jetzt, Sweety!“

versucht er zu brüllen, doch er ist schon ganz heiser. Außerdem weiß er selbst, dass der Zeitpunkt gekommen ist. Er tritt durch den Vorhang und die Fotografen verlagern ihr Blitzlichtgewitter von seinem Vorgänger sofort auf ihn. Grelles Licht blendet seine Augen.

„So, Nicolas. Das war das letzte Foto heute. Versprochen. Der Blitz nervt ganz schön, oder?“

sagt seine Mutter in sanfter Tonlage zu ihm, während sie die Kamera wieder in ihrer Tasche verstaut.

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