Der Anwalt

Er holte tief durch die Nase Luft. Gerade will er zu seinem Schlussplädoyer ansetzen. Die Amerikaner lieben es, am Ende einer mehr oder weniger langen Gerichtsverhandlung, alle Punkte noch mal in pathetischer Form zusammen gefasst zu bekommen.

Der Entschluss nach Amerika zu gehen, um dort seine juristische Karriere zu starten, war die beste seines Lebens. Leider bezahlte er dies mit einem Abschied von seinen Eltern. Denen sponsorte er zwar zweimal im Jahr einen Besuch in Amerika, aber auch dann hatte er nicht besonders viel Zeit für sie. Denn die Arbeit ruhte nie und er war ein viel beschäftigter Anwalt.

Selbst für die eigene Familie fand er noch keine Zeit. Die Frauen hielten es meist nicht lange mit ihm und seinen Gesetzesbüchern aus. Dabei musste ihnen klar sein, dass die Frau an seiner Seite auch in der Freizeit nur die zweite Geige spielen würde. Mit den Büchern und dem Studium derselben verdiente er nun mal sein Geld.

Sein Vater hatte leuchtende Augen bekommen, als er von seinen Plänen erfuhr.

„Dann könntest Du die Rechte der armen Menschen vertreten.“

malte er sich aus. Doch wer kommt so schon über die Runden? So sehr wie seines Vaters Ideale waren seine nicht gerade ausgeprägt, auch wenn sich der alte Herr stets bemühte, ihm die sozialen Werte zu vermitteln. Am Ende des Monats muss auch noch Geld übrig sein. Und das kriegte er mit seinem Job in einem der renommiertesten Kanzleien der Ostküste ganz gut hin. Bei recht passablen Lebensstil.

Das keine Frau es lange mit ihm aushielt, störte ihn gar nicht mal so. Seine Mutter dafür mehr. Jedesmal wenn sie zu Besuch war, schlug sie ihm vor, doch die Haushälterin zu heiraten. Die macht die Wohnung sowieso schon sauber. Er kannte die schnippischen Bemerkungen seiner Mutter gut, konnte sie aber schwer ignorieren. Denn sie waren nur die Einleitung zu einer längeren Gardinenpredigt, die stets aussagte, was für ein schöner Moment doch die Geburt ihres Sohnes in ihrem Leben war. Er konnte das nur nicht für sich vorstellen. So ein Kind soll schließlich auch was von seinen Eltern haben und kürzer zu treten in seinem Job, daran war derzeit wirklich nicht zu denken. Er ist doch erst 37 Jahre. In sieben, acht Jahren, dann könnte man das mal in Angriff nehmen.

Angriff, dass war auch das Stichwort für seine Verteidigung bei diesem Prozess. 17 Tage hat die Verhandlung nun gedauert. Er war bester Hoffnung, dass nach dem Plädoyer die Geschworenen und der Richter auf seine Seite waren. Der Anwalt der Gegenseite war stets blass geblieben und auch sein Plädoyer gerade eben war eher ermüdend, als das irgendwelche überraschenden Erkenntnisse zu Tage kamen.

Er schloss kurz die Augen, breitete die Arme aus und als er die Augen wieder öffnete, sah er seine Mutter, die ihn sanft unter die Achseln fasste.

„Dann komm Kleiner, wir fahren jetzt zu Deinen Großeltern.“

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