Der Fußballer

Er legt den Ball auf den Elfmeterpunkt. Jetzt gilt es. Er ist der fünfte Schütze, gerade eben hat der fünfte Schütze der Chinesen verschossen. Im Hexenkessel von Shanghai war es gespenstisch still, als der Ball an den Pfosten klatschte. Das Echo vom abprallenden Ball wirkte surreal.
Jetzt ist er an der Reihe. 120 Minuten lang kämpfte man gegen den Gastgeber und absoluten Favoriten der WM 2038. China gelang der Aufstieg vom milde belächelten Fußball-„Zwerg“ zur festen Größe des internationalen Fußballs. Bereits die beiden vorigen Weltmeisterschaften dominierten die Chinesen und konnten ihren Titel von 2030 vier Jahre später sogar verteidigen. Sollte ihnen das heute wieder gelingen, dann wäre es das erste Mal, dass ein Land dreimal in Folge Fußball-Weltmeister wird.

Und genau das will er mit diesem Schuss verhindern. Doch egal wer heute Weltmeister wird. Das Land, dass heute gewinnt, wird den Pokal vollmachen. Danach gibt es einen neuen, der in den kommenden Wochen vorgestellt werden soll. Das ist aber noch Zukunftsmusik, entscheidend ist jetzt, hier aufm Platz.
Die Menge tobt bereits und pfeift ihn gnadenlos aus. Nichts, was er nicht schon einige Male erlebt hätte, wenn auch nicht in dieser Größenordnung. Dabei ist er Masse an Zuschauern gewohnt, spielt er doch im größten Fußballstadion Deutschlands. Mit dem BVB gelang ihm diese Saison der Einzug ins Champions-League-Finale, wo man nur knapp an Liverpool scheiterte. Da hatte er schon einen Foulelfmeter zum zwischenzeitlichen Ausgleich verwandelt. Rechts oben war das. Das weiß sicher auch sein Kontrahent elf Meter entfernt. Wenn er aber ganz platziert schießt, dann sind diese Elfmeter unhaltbar. Über 90% Trefferquote. Fehlen nur 10%.

Jetzt wurde er dann doch nervös. Was, wenn 90% heute nicht reichen? 110% waren schon 120 Minuten lang nicht genug. 1:1 hieß es nach jeweils 90 und weiteren 30 Minuten. Und jetzt steht er hier. Der vielleicht letzte, der alles entscheidende Schuss. Sieben Schritte, der erste langsam, der zweite schon schneller. Der dritte und vierte fast unmerklich schneller, jetzt nur nicht verzögern. Fünf, sechs, der siebte Schritt und gleichzeitig geht sein rechter Fuß nach hinten und holt aus. Er trifft den Ball annähernd perfekt. Der Ball ist auf dem Weg ins rechte obere Eck. Der Torhüter ahnte die richtige Seite und macht sich lang. Aber ihm und Nicolas ist bereits jetzt schon klar, dass er vergebens fliegt.
Das Stadion ist wieder gespenstisch still. Er glaubt sogar das Ditschen des Balles ans Netz zu hören, während er seine Arme hochreißt. Von hinten kommen seine Mitspieler bereits angerannt. Nur noch Sekunden, bis er von ihnen zu Boden gerissen wird. In Gedanken öffnet er seine beiden Hände, so wie er es immer mit seinem Vater und seinem Patenonkel gemacht hat. Ihre Art, ein Tor von Borussia Dortmund abzuklatschen. Diesen Jubel behielten er und die beiden bei, als er schon längst selber bei Dortmund spielte. Bei jedem Tor öffnete er beide Hände zum High-Five. So auch diesmal. Irgendwo da oben saß sein Vater und sein Patenonkel (und Berater) und taten sicher genau dasselbe. Er dreht sich langsam um, seine Hände noch immer zum Doppel-High-Five nach oben gestreckt. Nur noch wenige Meter trennen seine Mitspieler und ihm von gemeinsamen Jubelhaufen. Er sieht noch seinen Trainer Jürgen Klopp, der seit gut 15 Jahren auch der Bundestrainer ist, in immer noch typischer Manier rumhüpfen und jubeln. Und das mit 71 Jahren!

Noch einen Bruchteil einer Sekunde, bis er in die Waagerechte geschubst wird. Er schließt die Augen und genießt diesen kurzen Augenblick. Er glaubt sogar, das Klatschen seines Vaters und seines Patenonkels auf seinen Handflächen zu spüren und macht instinktiv die Augen wieder auf. Und tatsächlich beugen sich beide über ihn. Beide mit einem Lächeln im Gesicht, während sein Vater sagt:

„Hat Dein Knipser-Strampler uns wieder mal einen Sieg geschenkt!“

Eine Antwort to “Der Fußballer”

  1. Günther Says:

    Oma und Opa schmeissen ihre Krücken hoch…..


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