Der Rennfahrer

Er schloss die Augen.

„Alkohol ist nicht mein Ding!“

Das war wie immer sein erster Gedanke. Eigentlich schloss er die Augen, um sich zu konzentrieren. Sich für den kurz bevor stehenden Augenblick vorzubereiten und sich vom ganzen Zirkus um ihn herum abzugrenzen. Doch sein erster Gedanke war wieder mal

„Alkohol ist nicht mein Ding!“

Was auch nicht schlimm war, sonst wäre er nicht an diesen Punkt in seinem Leben angelangt. Er war jetzt 22 Jahre alt. Die Presse wusste, wie viele Monate und Tage es genau waren. Jüngster Weltmeister würde er eh nicht werden. Dafür stieg er zu spät in den Zirkus der Formel-1-Welt ein. Doch er würde Weltmeister werden und heute stehen die Chancen gut. Ankommen reicht schon. Dann kann der Brite machen was er will.

Wie witzig, dass das halbe Fahrerlager noch aus Europäern besteht, obwohl doch kein einziges Rennen mehr in Europa ausgetragen wird. Die EU und ihre restriktiven Auflagen trieben die Formel 1 damals in andere Länder, die ihr Image mit den bunten Vögeln aufpolieren wollten. Einigen ist es gelungen, andere pumpen immer noch viele Millionen in ein einziges Rennen. Doch bald könnte es wieder Rennen in Europa geben. Den ersten Schritt machte die Formel 1 durch den Wechsel zu umweltfreundlichen Antriebsarten. Elektro- und Wasserstoffantrieb sollten der schwächelnden Formel 1 wieder einen positiven Anstrich geben. Das ist jetzt zwei Jahre her und für Nicolas die Entscheidung, seine Karriere in der Formel 1 fortzusetzen.
Kaum zu glauben, dass er vor 27 Monaten noch bei einem Werksteam aus Japan in elektrisch betriebenen Tourenwagen um Rennstrecken raste. Doch die Entscheidung der FIA, ihr prestigeträchtiges Zugpferd Formel 1 in Zukunft umweltfreundlicher zu präsentieren, sorgte auch für eine Rückkehr des größten Autobauers der Welt in die Formel 1. Und dieses Mal war die Firma mit dem großen T erfolgreicher.
Eng verbunden mit dem Rennstall war sein Name. Nicolas Grenz.

Klar war auch sein Vater hier. Wie bei jedem Rennen folgte er ihm auch zum Finale nach Japan. Dem Land, dass nach einem Erdbeben ein Jahr vor seiner Geburt sich in vielerlei Hinsicht änderte. Langsam zwar, aber es änderte sich. Die Atomkraft wurde peu à peu abgeschafft. Die Autohersteller bauen seit vier Jahren ausschließlich Elektroautos. Die Elektroindustrie fertigt seit sieben Jahren ihre Teile mit künstlich erzeugtem Plastik und auch sonst haben die Japaner in vielen Lebensbereichen das Öl verdrängt.

Seine Mutter und seine Schwester waren auch vor Ort. Beide machten sich noch nie viel aus seiner Tätigkeit als Rennfahrer. Wieso auch? Er schießt mit mehreren hundert Kilometern pro Stunde auf enge Kurven zu, gefolgt von anderen Rennfahrern, die alle als erstes in die Kurve wollen. Das ist gefährlich, aber ihm geht es auch nicht um den Kick. Ging es ihm nie. Deswegen war Alkohol auch nie sein Ding. Er war nicht auf der Suche nach einem Kick. Er frönt lediglich seiner Leidenschaft. Er darf Rennwagen fahren. Er darf Teil einer Entwicklung sein, die man vor zehn Jahren noch als Hirngespinst abgetan hätte. Doch es ist real und er sitzt mittendrin. Den Weltmeistertitel zum Greifen nah.

Noch immer hat er die Augen geschlossen und wie zum Beweis streckt er seinen rechten Arm aus um nach der Krone zu greifen.
Er öffnet die Augen und sieht seinen Vater über ihn gebeugt, der ihm die Milchflasche sanft in den Mund schiebt.

„Alkohol ist nicht dein Ding.“

sagt er leise und lächelt dabei.

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