Kleiner Bruder

Wie nebensächlich manche Dinge werden können, über die man sich mal mehr, mal weniger leidenschaftlich aufregt, hat der gestrige Tag mehr als eindrucksvoll bewiesen. Von einen auf den anderen Moment werden lächerliche „Berechnungen“ bei einem Online-Spiel, dem man sich hingibt, egal. Aktuelle politische oder gesellschaftliche Entwicklungen irrelevant. Oder die eigene Gesundheit ist plötzlich schnurz, wenn das Telefon klingelt und man hört:

„Dein Bruder hatte heute morgen einen schweren Verkehrsunfall!“

So geschehen gestern mittag, als der Chef meines Bruders auf mein Handy anrief und heilfroh war, jemanden aus der Familie zu erreichen. In diesem Moment zieht sich die scheinbare äußere Hülle, die das Ich von der Umwelt trennt, zusammen wie Schrumpffolie. Die Kehle wird trocken, der Schweiß der ausbricht, ist eisig kalt und ein Gefühl der Machtlosigkeit stellt sich ein. Man fühlt sich ganz klein und dennoch muss man weiter funktionieren…

Die Eltern anrufen. Welche Worte verwende ich? Scheißegal. Ich kriege sowieso kaum einen Ton raus. Vieler Worte bedarf es in dem Moment auch nicht. Die Mutter versteht sofort.

Freundin anrufen. Wortwahl? Auch hier egal, denn ich erreiche sie nicht.

Also erstmal wieder einen Anruf bei den Eltern. Der Vater ist mittlerweile wach und hat die Handynummer der Freundin. Rufst Du an? Klar, Papa. Er kann selber nicht sprechen. Wer will das jetzt schon?

Sie geht ran. Was machst Du? Störe ich gerade? Blöde Frage sicherlich. Vielleicht ist sie nur einkaufen. Aber sie ist in einem Bewerbungstraining. Zum Glück kein Bewerbungsernstfall. Wer weiß, ob ich dann schon was gesagt hätte. Dieser Gedanke kommt sofort. Sage ich ihr das jetzt? Aber sie ahnt schon was. Für mich ist der Anruf fast nur ein weiterer Haken auf einer imaginären To-Do-Liste.

Das Krankenhaus anrufen. Zustand? Stabil. Dennoch schwere Verletzung am Bein. Und derzeit OP. Niemand weiß, wie lange noch. Bisher kein Verdacht auf innere oder Kopfverletzungen. Das sind die ersten Worte, die einem Luftlöcher in die geschrumpfte Folie, die klamm auf der Haut liegt, aufmachen. Endlich einmal durchatmen…

Danach geht die Gedankenmaschinerie weiter. Und die Umwelt prasselt wieder auf einen ein. Fährt Markus nicht Schulkinder? Schnell seinen Chef anrufen. Wie ist es passiert? Wer war beteiligt? Und wie geht es diesen?

Zwei Schulkinder waren an Bord. Beiden geht es den Umständen entsprechend gut. Eines hat sich das Bein gebrochen, das andere „nur“ leichte Prellungen. Er schickt mir einen Link zu dieser unsäglichen Seite, die mit Fotos und Videos von Katastrophen, Unfällen und Bränden ihr Geld verdienen. Das Auto sieht schlimm aus. Sehr schlimm. Markus war darin wohl knapp 30 Minuten eingeklemmt, bis er von der Feuerwehr befreit werden konnte.

Der Unfall? Niemand weiß, wie es passierte. Keine Anzeichen von Ausweichmanöver. In einer Kurve einfach geradeaus. Überhöhte Geschwindigkeit? Mitnichten. Mein Bruder sowieso nicht. Den muss man eher antreiben, als das er mal zu viel Gas gibt.

Viel wichtiger in dem Moment: Es geht allen Beteiligten den Umständen entsprechend.

Ich mache Feierabend. Kann sowieso keinen klaren Gedanken fassen und mich erst recht nicht auf meine Arbeit konzentrieren. Steffi muss mitkommen, weil wir gemeinsam nach der Arbeit zu ihrer Schwester wollten um deren Geburtstag zu feiern. Gott, was hatte ich morgens noch keine Lust, den Weg nach Friesland zu fahren? Jetzt würde ich nichts lieber als das, wenn es diesen Unfall nicht gegeben hätte.

Kaum zu Hause ruft schon Papa an. Er ist in Oldenburg mit Sophie. Markus wird noch operiert. Immer noch?!? Gegen 16 Uhr können wir wohl zu ihm. Ich versuche in der leeren Wohnung tief durchzuatmen und wenigstens wieder etwas zur Ruhe zu kommen. Genau eine Stunde habe ich. Die Gelegenheit, Dany anzurufen und ihr zum Geburtstag zu gratulieren. Keine Ahnung, ob sie es erst für einen meiner verrückten Gags hält oder schon etwas böses ahnt, aber sie klingt verwirrt. Wieder wäre ich lieber zu ihr gekommen, als dieses Gespräch zu führen.

Danach geht es auf die Bahn. Mein Vater und Sophie stehen direkt vorne an. Gut so. Ich sehe eh nur wie durch einen Tunnel. Gemeinsam gehen wir hoch. Melden uns an. Und gehen hinein. Uns stellt sich gleich eine Schwester in den Weg. Maximal zwei Personen! Ich lasse meinem Vater und Sophie wie selbstverständlich den Vortritt. Und warte. Und warte.

Da sitze ich nun, und spüre, wie sich die Folie um die Haut wieder zu einer Blase aufbläht. Schwach nur. Aber langsam kehrt Normalität ein. Als mein Vater nach zehn Minuten – oder waren es zwanzig? Ich weiß es nicht – wieder kommt, habe ich keine Angst mehr. Mit jedem Wort meines Vaters, der mir die neuesten Informationen mitteilt, fällt die Sorge und der Kummer langsam ab, wie getrockneter Sand auf der Haut, den man sich abrubbelt.

Ich gehe in sein Zimmer, wo Sophie an der Wand gelehnt meinen Bruder anschaut. Schläuche. Künstliche Beatmung. Und piepsende Geräte. Das volle Programm. Kein schöner Anblick. Aber er lebt. Und er wird leben. Das ist die beste Nachricht des Tages. Alles andere ist egal. Alles andere wird wieder. Oder anders. Aber das ist mir scheißegal.

Mein Bruder hatte gestern morgen einen schweren Verkehrsunfall. Und ihm wird es bald wieder gut gehen.

Nachtrag: Für diejenigen, die es interessiert. Markus hat einen Bruch des linken Oberschenkelknochens. Und Glück im Unglück. Keine weiteren Verletzungen…

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Augen auf im Straßenverkehr

Heute morgen bekam ich eine pdf-Datei mit folgendem Inhalt. Gezeigt werden vier Bilder und vorab eine Frage:

Manchmal erregt nur ein Bild unsere Aufmerksamkeit!!
Die Fahrerin des Wagens hatte mit einem Handy telefoniert…
Siehst Du das Motorrad?
Und hier die Bilder:
Und weiter:
Siehst Du es nun?
Und schließt ab mit den Worten:
Der Fahrer dieser Honda war mit ca. 140km/h unterwegs. Die Fahrerin des VW
telefonierte gerade mit ihrem neuen Handy als sie aus der Seitenstraße auf
die Hauptstraße einbog. Sie übersah dabei den Motorradfahrer.
Dieser schaffte es nicht mehr genug zu bremsen um den Unfall zu vermeiden.
Im VW befanden sich zwei Personen. Der Motorradfahrer wurde ebenfalls IM Wagen
gefunden.
Durch den Aufprall wurde der VW auf die Seite gekippt und rutschte mehr als 6 Meter.
Alle drei Personen waren sofort tot.
Die Fotos enstanden im Rahmen einer Polizeiaustellung zur Unfallprävention.
Schicke diese Mail an alle Auto- und Motorradfahrer.
Vor allem an alle die ein Handy haben.
Ein Bild sagt mehr als tausend Worte!
Bitte benutzt das Handy nicht am Steuer.
Es kann leben retten,
es könnte Dein eigenes sein…… oder meins…….
Uh ja, sehr eindrucksvoll. In der Tat.
Jetzt stellt sich aber für mich die Frage: Wieso wird sich auf die telefonierende Frau konzentriert und das zu schnelle Fahren des Motorradfahrers in keinster Weise dramatisiert? Denn 140 km/h sind außer auf Autobahnen überall zu schnell. Geht man von einer Höchstgeschwindigkeit auf der Hauptstraße von 100 km/h aus, dann sind das 40 km/h zu schnell. Das kann man als Autofahrer auch ohne telefonieren selten einschätzen. Übrigens ein Grund, warum ich bei nur einem sichtbaren Licht lieber noch einen Moment länger stehen bleibe, um die Geschwindkeit richtig einschätzen zu können.
Aber ob die Hauptstraße nicht innerorts war, steht da auch nicht. Was dann das Verhalten des Motorradfahrers als gemeingefährlich bewertet werden kann. Das sind jedoch Vermutungen und soll das Fehlverhalten der Fahrerin in keinster Weise schmälern.
Jedoch sollte der Appell an alle Beteiligten gehen und sich nicht nur auf eine Person oder Personengruppe richten. Telefonieren am Handy ist ebenso pfui bah, wie das streiten mit dem Partner, das programmieren des Navis, das blättern in der Zeitung oder das zu schnelle Fahren, bremsen ohne blinken beim Abbiegen oder Überholen vor (oder schlimmer noch, in) Kurven.
Die Teilnahme am Verkehr fordert die Aufmerksamkeit aller Teilnehmer und sollte immer dem Rücksichtsgebot unterliegen und nicht der Zurschaustellung der eigenen Fahrkünste.
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Rücksicht kann Leben retten

Was in manchen Autofahrern im Oberstübchen vor sich geht, möchte ich manchmal gar nicht wissen. Wenn mir so Spezialisten wie heute begegnen, kann das nämlich nicht so viel sein.

Ich fahre auf eine für mich grüne Ampel zu, zügig zwar, aber alles innerhalb der Parameter. 😉

Mir entgegengesetzt biegt der erste Linksabbieger ab. Kein Problem, ich bin noch von der Ampel etwas entfernt.

Der zweite biegt ebenfalls ab. Alles noch in Ordnung, ich bin noch nicht ganz da…aber fast.

Der dritte zieht im Fluss mit. Riesenproblem, denn jetzt bin ich bereits so richtig da. Ihr (!) reinkacheln kommt nicht in Frage, denn auf dem Rücksitz zu mir gewandt sitzt ihre blauäugige Tochter. Ja, ich konnte tatsächlich schon ihre Augenfarbe deutlich erkennen.

Ich habe es aber noch bremsenderweise an ihr vorbeigeschafft. Gut das nicht noch ein viertes Auto zum Abbiegen auf der Spur stand, denn diese benutzte ich zum Ausweichen.

Keine 500 Meter weiter. Ich fahre auf die nächste Ampelkreuzung zu und schaue mir sicherheitshalber die Linksabbiegerspur an. 😉

Ich habe grün und noch beeindruckt von der Situation wenige Sekunden zuvor auch nicht besonders schnell unterwegs fahre ich auf die Kreuzung rauf. Von rechts biegt ein Fiat Multipla deutlich unterbesetzt auf die Kreuzung ein. Der Grund: Ein grüner Pfeil. Dieser entbindet aber nicht von der Rücksichtnahme auf den vorfahrtsberechtigten Verkehr. Also mir! Doch genau das tat sie. Da meine Bremsen gerade auf Betriebstemperatur sind, stieg ich also wieder gepflegt auf die Ramme und wärmte bei der Gelegenheit auch gleich das Horn meiner Hupe etwas auf.

Jetzt sah ich auch groß und deutlich das Nummernschild vor mir. Es fing mit DH an. Und schon klangen die wohlfeilen Worte meines Vaters in den Ohren, der mal zu mir sagte:

„Es gibt keine schlimmeren Autofahrer, als die mit einem DH am Kennzeichen!“

Heute musste ich ihm leider Recht geben…

Was aber nicht meine Meinung über BeCLoPptenburger oder BRAker ändert! 👿

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Seltenheitswert

Jeder kennt Sillenstede. In diesem beschaulichen Ort, deren größte Attraktion die dauerhafte Teesieb-Austellung ist, passiert nicht viel. Klar, die St.Florianskirche ist auf jeden Fall einen Blick wert, und außerdem wurde Sillenstede 1988 (?) zum schönsten Dorf Frieslands gekürt.

Heute morgen wollte ich lecker Brötchen beim Bäcker holen. Im Meisenweg überlegte ich, wie ich am besten zum Bäcker gehe. Gehe ich links zur Hauptstraße und dann diese längs zum Bäcker, oder gehe ich geradeaus durchs Grün und an der Kirche dann links? Ihr kennt die Strecke und könnt es Euch schon denken. Ich bin geradeaus gegangen. Vor allem, weil ich noch sehr müde war und ohne Vorhandensein grundlegendster grobmotorischer Fähigkeiten nicht an der Hauptstraße langgehen möchte.

Am Kanngießerpadd führt neuerdings ein schmaler, kaum begehbarer Streifen links herum. Gehe ich den? Oder doch den Umweg Richtung Seniorenwohnheime? Ne, es kommt ja auf eine Minute nicht an, also rechts herum. Ich biege gerade auf den Georg-Albers-Weg, da höre ich ein mir wohlbekanntes und vielfach gefürchtetes Geräusch. Das stoßartige Aufeinanderprallen von hochwertigem Plastik vermischt mit Metall. Ein Autounfall. In Sillenstede. Einer von zweien jährlich…

Nun habe ich diesen (zum Glück) nur verpasst, weil ich nicht die Hauptstraße längs gegangen bin, bzw. die Abkürzung im Kanngießerpadd. Dafür konnte ich aber einiges hören, bevor ich die Unfallstelle erreichte. Einen Trecker und einen Mann, der anscheinend dem Trecker und dessem Fahrer hinterrief, doch stehen zu bleiben. Lautstark äußerte er seine Fassungslosigkeit darüber, dass er einfach weiterfährt. Hat da etwa ein Zeuge die Unfallstelle verlassen?

Ich komme also an die Ecke Georg-Albers-Weg/Grafschafter Straße und da steht einsam und verlassen ein Peugeot-Kombi, Warnblinker an und blockiert die Hauptstraße. Von einem weiteren Fahrzeug keine Spur. Aber entgegen kommt mir ein winzig kleiner Trecker mit einem Downie am Steuer. Der steuert sogleich die Unfallstelle an und der Peugeotfahrer ist sichtlich erleichtert, dass er da wieder zurück ist.

Ich suche derweil den Bäcker auf, weil Gaffen nun überhaupt nicht mein Ding ist. Und helfen konnte ich sowieso nicht.

Als ich wieder raus bin, ging ich die Hauptstraße längs. Nein, Gaffen ist wirklich nicht mein Ding, ich gehe nur ungern ein und dieselbe Strecke zweimal.

Auf jeden Fall hatte sich an der Kreuzung schon eine kleine Menschentraube gebildet, die dem Treckerfahrer deutlich machten, endlich denselben beiseite zu stellen um die Personalien aufzunehmen. Mir tat der „Kleine“ ganz schön leid und hoffe, dass die umstehenden Personen im Zuge der Unfallberichtsaufnahme darauf gekommen sind, den Vater zu informieren.

Am Peugeot entstand nur leichter Sachschaden. Personen sind dabei nicht zu Schaden gekommen. Wie der Unfall überhaupt entstanden ist, ließ sich für mich nicht erschließen. So komisch wie der Peugeot auf der Kreuzung stand, hätte er schon eine unorthodoxe Art abzubiegen an den Tag legen müssen…

Wie es nun ausging, ob die Polizei noch gekommen ist, weiß ich nicht. Gaffen ist ja nicht mein Ding. Aber das ich einen der seltenen Unfälle in Sillenstede live mitbekommen habe, ist schon eine Riesensache. 😉

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